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Wildniswandern im Vogelgebirge 

mit Jörn Kaufhold
ein Essay von Andreas Wenger

Slowakei / September 2017

Darum mute, wem des Mutens!

Da stehen wir nun, erwartungsvoll Ankommende, in der lauen Sonne des Juliabends und blicken nach Osten. Es ist ein ganz besonderer Punkt – so mutet es mich an - über unserem Talort Horny Župkow, diese Hügelkuppe mit ihren diskreten Verebnungen, erster Vorbote des dahinter liegenden Vogelgebirges, dazu die Sichtachsen hin zum Slowakischen Erzgebirge. Das klingt nach Gold und Silber, vielleicht Reichtum und Macht, aber auch Hierarchie, Umwälzungen und Krieg. Wie viele Völker sind hier durchgezogen, haben hier gelebt, gestaltet – Menschen der Steinzeit, Kelten, Germanen, Slawen, „Deutsche“ – sie alle haben Spuren hinterlassen. Diese Energie ist noch spürbar, denn die Landschaft ist nicht nur Umgebung, sie ist selbst ein belebtes Wesen, (auch) von Menschen gestaltet und wirkt auf uns zurück. Später habe ich auf der Wanderkarte gesehen, dass dieser Hügel „Dvor“ – „Hof“ heißt! Was Flurnamen alles erzählen – unter diesem Aspekt wäre auch zu hinterfragen, ob der Name Vogelgebirge wirklich auf Vogelreichtum hinweist, oder sich viel eher auf den Stamm „Fackel“ zurückführen lässt – Kundige werden hier an Kreidfeuer denken.

Darum tauche ein, wer wagt den Sprung!
Nächsten Tages geht es los, in sich bis zum Horizont erstreckende Wälder. Zuerst noch die Wiesen ehemaliger Almen, heute menschenleeres, zurückfallendes Kulturland. Wer labt sich heute an den alten Obstbäumen? Später im lichten Grün, zwischen Schatten und Sonnenflecken begegnen uns bizarre Wesenheiten teils wohlwollend, teils erstaunt – Positivisten würden von Krüppelbuchen sprechen. Sind diese Wuchsformen nun Ergebnisse von Schneedruck und Wildverbiss oder aber Ausdruck einer alten „Niederwald-Nutzung“. Einerlei, wenn es gelingt nicht nur in den Lebensraum Wald einzudringen, sondern selbst Wald zu werden. „Ich bin ein Teil des Waldes“, sagt Wolf-Dieter Storl, ein deutsch-amerikanischer Kulturanthropologe – das kannst auch Du!

Darum rieche, wer sich nach Verbindung sehnt!
Düfte erreichen uns schneller als alle anderen Sinneswahrnehmungen und sie rühren an Älteres, Tieferes in uns. Was macht es mit uns, an zerriebener Haselwurz zu schnuppern, sich dem süßen Duft des Echten Labkrautes hinzugeben oder die Samen des Berglauches zerbissen an den Gaumen zu drücken? Spürst du die Nähe?

Karpatischer Blauschnegel

Darum fliege, wer sich des Fliegens erinnert!
Viele Menschen können in ihren Träumen fliegen – was für ein erhebendes Gefühl, über die Landschaft zu gleiten, schwerlos, den Wind auf der Haut …
Warum nicht den Bussarden folgen, die Arme breitend und die Thermik fühlen, los geht`s hoch und höher hinaus; für Mutigere auch schnittiger, wie jene tropfenförmigen Geschoße, die mit 300 km/h vom Himmel stoßen, um die Ringeltaube mit der langen Daumen-Kralle zu erdolchen und noch im Taumelflug wieder aufzufangen, um sie zum Brutfelsen zu tragen…
Und so ist es manchmal auch möglich, das „Als-ob“ zu überwinden und tatsächlich Zugang zum „Geist des Vogels“ zu gewinnen und somit zu einem ganzheitlichen Wahrnehmungsmodell, das Ornithologen „Jizz“ nennen. Dann wird es leicht und klar, warum der Segler in den Lüften ein Pernis und kein Buteo ist und dass der graue Schatten über den Wipfeln ein Sperber war und kein Falke.

Lausche auch, wem des Lauschens!
Wer hört heute noch so richtig zu – in einer Welt, die von Lärm übersättigt ist? Da braucht es schon diese abgeschiedenen Gegenden, fernab von Menschen, um sich zurückzuerinnern an die „Soundscapes“ von Wälder und Wiesen, sich wieder zu gewöhnen an das Leise, Unaufdringliche , um Botschaften zu entziffern – von den Pirolen im Kirschbaum, dem Wachtelkönig in der Pfeifengraswiese, die Vogelsprache der fütternden Neuntöter-Familie. Später auch die ganz leisen Geräusche, wie das Rascheln der Gelbhalsmaus im Laub; oder auch das Säuseln des Windes in den Blättern der Zitterpappel bis hin zu fernem Donnergrollen und dem gereizten Brüllen des heranfegenden Hagelsturmes.

Darum folge den Zeichen!
Ganz schön respektlos, den König zu „trailen“. Der Braunbär ist hier das mächtigste Tier, das vielen Indigenen so heilig ist, dass sie seinen Namen nicht auszusprechen wagen. Unser bisheriges „Opfer“ an den „älteren Bruder“ war, jeden Abend alle Nahrungsmittel aus dem Lager zu bringen und sogar die Zahnpaste ins Feuer zu spucken, um keinen Anreiz für einen nächtlichen Besuch zu bieten. Doch nun eine unmittelbarere Begegnung -wie ähnlich einem Menschenfuß doch dieses frische Trittsiegel ist! Doch wie lange mussten wir zu viert suchen, bis wir Anschluss fanden. Erst langsam lösten sich zuerst verschwommen, dann ganz klar weitere Zeichen aus dem Boden. Der menschenähnliche, längliche Hinterfuß wird innen vor den breiten und ohne Ferse aufgesetzten Vorderfuß gestellt – „übereilender Schritt“ sagen die Fährtenleser. Geschickt wich er den Pfützen aus und es hatte den Anschein als wollte der Bär möglichst wenig Abdrücke hinterlassen, bis zu diesem toten Baum am Wegesrand, den er auf der Suche nach Ameisenpuppen mit seinen Krallen mühelos zerlegte, vielleicht auch als Wegweiser für uns.

Toter Baum

Darum fühle, wem des Fühlens!
Da sind sie auch die Momente, des „Auf sich selbst zurückgeworfen seins“. Sei es die Erhabenheit stehend auf einem Felsplateau, hoch über den Wipfeln aber auch der Schweiß auf der Haut, die matten Muskeln, das Herzklopfen und die Atemnot, das Ankommen am Lagerplatz im letzten Licht, erschöpft und ausgepumpt. Und am letzten Tag, als das Vogelgebirge weint, uns zu verlieren und wir im strömenden Gewitterregen dem Ziel entgegenwaten. Es ist eine Herausforderung, dieses Spüren wertfrei wahrzunehmen, geschehen zu lassen und sich dem Unvermeidlichen zu beugen, wie Gräser im Wind.

Darum achte auf die Wunder!
Schließlich wird es Zeit, Eins zu werden mit aller Natur, damit du sie auch wahrnehmen kannst, die täglichen Wunder.
Sei es die paradiesähnliche Begegnung mit Hirschen. Einer davon ist ein stolzer Zehnender in der Kraft seiner frühen Mannesjahre das Geweih noch in Bast, so steht er da und leuchtet rotbraun in der Sonne, frisst, verhofft und sieht an uns vorbei, als wären wir Teil einer vertrauten und gefahrlosen Umgebung.
Und besonders diese unglaubliche Geschichte. Drei Stunden hatten wir Zeit, uns treiben zu lassen, absichtslos, ergebnisoffen. Bald ist die Zeit um, da zieht es mich hinauf auf einen Hügelkamm mit kleinen Wäldchen und Obstbaum-Solitären und da ist bereits jemand – welch schönes Zeichen, wenn meine Frau ebenso fühlt. Eine alte Buche zieht uns in ein kleines Wäldchen und still lassen uns vom Genius loci verzaubern, als Maria auf eine Bewegung aufmerksam wird: keine 15 Meter entfernt, am Waldrand schiebt sich eine gelbbraune Linie durchs Gras. Kaum ein Hälmchen bewegt sich, nur ein Rücken eines Schäferhund großen Tieres gleitet langsam, in leichter Wellenlinie seitlich ausschwenkend dahin, selbstgewiss auf ein uns unbekanntes Ziel zu, den Blick aus gelben Katzenaugen entspannt in die Ferne gerichtet, aufgestellt die Pinselohren. Die wenigen Sekunden werden zu einer Ewigkeit und das Bild brennt sich ein – was für ein Geschenk, dem unsichtbaren Phantom der Wälder begegnet zu sein. Wir sollten niemandem davon erzählen!

Lasse ausklingen, was nie zu Ende geht!
Ich freue mich über jene, die mir bis hierher gefolgt sind und lade dich ein, Assoziationen wie „ver-rückt“ oder „berauscht“ zuzulassen, sie sind durchaus beabsichtigt. So ist es doch die Ekstase des Dionysos der den selbstgefälligen Apoll ergänzt und ebenso ist es ein animistischer Zugang einer belebten Welt, die über das aristotelische Denken hinausführt, das heute wie ein Korsett die Wissenschaft einschränkt. Was hindert uns, die Träume unserer Kindheit weiter zu träumen, unsere unbestimmte Sehnsucht zu stillen. Und so bietet „Wildniswandern in der Slowakei“ nicht nur Lagerfeuerromantik, Kameradschaft und interessante Gespräche mit dem einfühlsamen Begleiter Jörn – ein weiterer Strang dieser Reise kann viel weiter führen, bis zum Eintauchen in die Weltenseele (wie Paulo Coelho das im Alchimisten beschreibt). Wenn du es zulässt, führt sie dich auch nach innen zu deinen Wurzeln, zu einer Begegnung mit den Ahnen und zu Erfahrungen, die manche Atavismen nennen würden – für mich war es eine Wieder-Anbindung. Warum kommt mir da „re-ligio“ in den Sinn?