Frühling in den Karpaten
 

 Ein Abend in der Pandemie

 Jörn Kaufhold / Frühling 2020 / Slowakei 

Zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr sind die Buchenwälder in den Karpaten dreifarbig. Am Boden das Rotbraun des vergangenen Herbstlaubs, darüber das Graublau der Buchenstämme in vertikalen Linien und dazwischen das linde Grün der Blätter, das so nur an einigen Tagen im Jahreskreislauf vibriert. Wenn am Rande der noch jungen Blätter silberne Haare glänzen, bekommt das Licht einen flüssigen Touch, als ob es möglich wäre, es zu trinken.

Ich sitze am Waldrand und lausche ein paar Gimpeln, die anstelle ihrer einsilbigen Rufe schwatzen und plappern. Im Hintergrund ruft der Zilpzalp „zilp zilp zalp“ und von einem Haufen Reisig schmettert ein Zaunkönig seine Fanfaren. Beide fleißig bemüht potenzielle Rivalen beizeiten bekannt zu geben: Hier lohnt es sich nicht Kamerad, hier ist mein Zuhause, zumindest bis ich eine Frau gefunden habe und die Kinder aus dem Gröbsten sind.

Aber was machen die Gimpel da? Sie sitzen verteilt im Geäst und doch zusammen. Die Männer mit roter nicht zu übersehener Brust und die Frauen in Tarnfleck braun-oliv. Sie schwatzen und plaudern und dann brechen sie irgendwann auf. Gemeinsam fliegen sie in eine Richtung, vielleicht zu ihren Schlafplätzen, weil die Dämmerung naht.

Sie scheinen nicht mitzumachen bei diesem Frühlingspiel: mein Revier, meine Grenzen …

Es hat wenig geregnet in den letzten Tagen und so raschelt jeder meiner Schritte im Laub in der Lautstärke von zündenden Chinaböllern. Schleichen ist da vergebens, darum setze ich mich auf einen kleinen Vorsprung und schaue ins Tal. Unter mir, vielleicht vierzig Meter, rauscht ein Bach und liegt ein Forstweg. Ihr Anblick ist aber durch die vielen Laubblätter zu einem Mosaik zerrupft. Auf einem dieser Mosaiksteinchen blinkt ein weißer Fleck hervor. Ich nehme mein Glas und sehe das Hinterteil eines Hirsches.

Der Rest des Körpers ist von einem Baumstamm verdeckt, aber rechts daneben wackelt die Krone einer jungen Buche. Dann sehe ich einen Kopf, ohne Geweih und ohne Geweihansätze, also führt sich da eine Dame die zarten Buchenblätter zu Gemüte. Der Anblick einer einzelnen Hindin (Hirschkuh) erfreut mich. Das ist was Seltenes, die Frauen sind ansonsten immer in Gruppen unterwegs. Weil sie kein Geweih tragen, nennen Jäger sie Kahlwildrudel. So sind sie unterwegs: Mütter mit ihren Kindern und nicht selten sind auch die Großmütter dabei.

Ich weiß nicht warum, aber draußen bin ich häufig auf der Suche nach etwas Außergewöhnlichem, etwas nicht alltäglichem und so ist meine Sehnsucht für eine kurze Zeit gestillt, als ich ihr beim Fressen zuschaue. Sie zieht mit sorgfältig platzierten Schritten den Bach entlang, mal zupft sie hier ein Blatt ab, mal bewegt sich ihr Kopf zum Boden herab. Auch ihre Schritte rascheln im Laub (das beruhigt mich), aber ich höre kein einziges Ästchen knacken.

Sie ist schon einige Minuten verschwunden, als ich die nächsten Geräusche im Laub vernehme. Jemand steigt die Böschung oberhalb des Forstwegs herunter. Da ist die nächste Hindin. Sie folgt der Fährte ihrer Vorgängerin. Auch hier wieder diese leichten, sanften und präzisen Bewegungen. Sie entgleitet aus dem Bild und nach mindestens drei Dutzend Rufen des Zilpzalps staken drei weitere Damen die Böschung herab. Unten auf dem Forstweg sammeln sie sich ein wenig, mit ihren Ohren überprüfen sie die Umgebung nach verdächtigen Geräuschen. Hinten, zur Seite und nach vorn. Sie hören nichts, was ihnen Sorgen bereitet. Und auf ein sanftes Kommando, das ich nicht wahrnehmen kann, schreiten sie weiter im schwebenden Gleichschritt.

In der Mongolei habe ich einmal in der Steppe an einem See gesessen, der fast auf die Größe eines Wasserloches geschrumpft war. Ich saß so rum und habe in die Gegend geglotzt. In der Dämmerung tauchte hinter einer Bodenwelle ein schwarzes Pferd auf. Es schien sehr nervös zu sein. Seine Nüstern blähten sich immer mehrmals auf, seine Ohren nach vorne gerichtet, aber nicht auf mich. Es tänzelte einma, zweimal hin und her, um sich dann wieder hinter die Bodenwelle zu verziehen.

Ich war mich nicht sicher, ob ich gehen sollte, ob ich ein Störenfried war. Das Pferd hatte nicht auf mich geschaut, aber andererseits war es nervös. Der Wind wehte auf mich zu, das konnte es also auch nicht gewesen sein. Noch bevor ich mir eine Entscheidung abringen konnte, ob ich gehen sollte, oder nicht, tauchte das schwarze Pferd wieder auf. Diesmal mit weiteren Pferden, sicherlich ein Dutzend. Sie trabten zielstrebig zum Wasser und stellten sich nebeneinander auf und tranken laut saugend. Das schwarze Pferd stand weiterhin auf der Bodenwelle. Als die Ersten aufhörten, ging es runter und trank ebenfalls. Nachdem alle ihren Durst gestillt hatten, standen sie noch eine Weile am Ufer herum, um dann wie ein einzelnes Lebewesen los zu traben. Sie zogen in einer Linie an mir vorbei, die Nase des einen am Hinterteil des anderen und verschwanden in der Dunkelheit.

Pferde in der Steppe, Hirsche im Bergwald – unterschiedliche Tiere an unterschiedlichen Orten und doch die gleiche Eleganz ihrer Bewegungen und in der überraschenden Synchronizität ihrer Entscheidungen. Ich grübelte ein wenig herum. Ich dachte, dass ihre Bewegungen mich ans Ballett erinnern. Dann wurde mir klar, dass der Vergleich spiegelverkehrt ist. Balletttänzerinnen versuchen, sich so zu bewegen wie Hirsche oder Schwäne oder andere nicht menschliche Tiere. Sie trainieren, sich ihrer Anmut anzunähern.

Ich wollte es ihnen gleichtun, stand auf und probierte mit leichten, sanften und präzisen Bewegungen den Hang herauf zu fließen. Es raschelte im Laub, Ästchen und Äste knackten unter meinen Füßen und manchmal rutschte ich zwei Schritte runter, um einen rauf zu kommen. Die Hirschdamen, die vermutlich mittlerweile auf sehr weit entfernter Wiese grasten, da war ich mir sicher, hoben im selben Moment wie auf ein Kommando ihre Köpfe und richteten ihre Radarohren auf mich, der versuchte, etwas von ihrer Anmut zu erhaschen.