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Wilde Wisente in den Südkarpaten - eine Exkursion

Anne Wiebelitz-Saillard / Rumänien

Im Mai 2025 konnte ich ein langjähriges Herzensprojekt zum Thema Artenschutz realisieren. Ich verfolge seit vielen Jahren die Wiederansiedlung der Wisente in den rumänischen Südkarpaten.

Wisente waren einmal in ganz Europa verbreitet – und wurden, ähnlich wie die amerikanischen Bisons, die mit den Wisenten verwandt sind – von den Menschen fast ausgerottet. 1927 wurde der mutmaßlich letzte freilebende Wisent Europas im Kaukasus erschossen. Die Rückkehr der Wisente ist wenigen sehr engagierten Menschen zu verdanken, die unsere Rolle als „key species“ im Ökosystem in einem lebensdienlichen Sinne eingenommen haben: dank eines intensiven Zuchtprogramms mit paarungsfähigen 12 Einzeltieren konnte der Wisent in Zoos überleben und wird seit den 1950er Jahren wieder ausgewildert. Mittlerweile leben in mehreren Ländern Europas wieder ca. 7000 Wisente frei, u.a. in Polen, Belarus, Ukraine, Slowakei und Rumänien.

signal 2025 05 07 190342 Danke an Dirk Weber für das Foto!

Im Mai war ich mit zwei Gruppen, Spender*innen einer großen Naturschutzorganisation, in einem Wisent-Wiederauswilderungsgebiet in den Südkarpaten zu Gast. Mitfinanziert vom WWF Rumänien ist dort unter der Leitung von Oana Mondoc ein Community-Hub entstanden, an dem sowohl Gäste aus aller Welt beherbergt werden als auch die lokale Gemeinschaft eingebunden wird, sich trifft und gemeinsam den Naturschutz in der Region mit solidarischem Wirtschaften voranbringt. Dank einer mosaikartigen kleinbäuerlichen Landwirtschaft ist dort eine Artenvielfalt anzutreffen, die in Europa ihresgleichen sucht. 

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Je 7 Tage lang konnten wir in die ökologische Vielfalt der Karpaten eintauchen. Kleines Knabenkraut wächst rund um Armenis in Hülle und Fülle, wilder Zitronenthymianduft lag in der Luft, die ersten Bienenfresser kehrten gerade zurück und in den Fotofallen, die wir aufstellten, „fingen“ wir Goldschakale und Feldhasen.

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Zwei Tage lang trailten wir mit Matei, einem der lokalen Ranger des Projekts, der vor einigen Jahren seinen Wirtschaftsjob in der Stadt gegen das Leben als Ranger in einer der am dünnsten besiedelten Gegenden Rumäniens eintauschte, Wisente am Fusse der Gebirge. Wie scheu die Tiere trotz ihrer Größe sind und wie schwer sie zu beobachten sind, hat Jörn schon vor einigen Jahren in einem Blogartikel beschrieben. Nach Flussdurchquerungen und dem Streifen durch Bärlauchfelder in alten Buchen-Bergwäldern fanden wir sie schließlich und konnten für einige Minuten ehrfürchtige Zeug*innen davon werden, dass sie wirklich wieder durch die Wälder streifen, von denen sie seit tausenden von Jahren ein Teil waren. Ihre Spuren und Zeichen hatten es uns natürlich schon verraten: der Moschusgeruch am Boden, wo eine Gruppe Wisente für einige Zeit Rast gemacht hatten, ihr Fell an den Wurzeln umgestürzter Bäume, ihre Trittsiegel, die Fraßspuren an den Bäumen.

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Wir beschäftigten uns auch mit den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft zu wildlebenden Wisenten: wie sie auf die Landschaft positiv einwirken, lässt sich durch die Kooperation mit anderen Arten verstehen. Singvögel nutzen das weiche und dichte Wisenthaar zum Polstern ihrer Nester und erhöhen damit ihre Bruterfolge im Vergleich zu Gebieten, in denen es keine Wisenthaare zur Verfügung gibt. Braunbären nutzen das Nahrungsangebot in den Lichtungen, die entstehen, wenn eine Herde Wisente im jungen Wald frisst, wo danach Beerensträucher wachsen, die Braunbären lieben. Natürlich gibt es auch Schäden an Obstbäumen in den Dörfern durch Wisente. Meistens gehen sie auf einzelne Tiere zurück, die sich darauf spezialisieren. Aber die Debatten in Rumänien sind längst nicht so erhitzt und erbittert wie sie in Deutschland geführt werden (wo übrigens der erste von selbst nach Ostbrandenburg zurückkehrende freilebende Wisente 2017 direkt erschossen wurde). Was das Zusammenleben mit den großen Wildtieren angeht, können wir in Deutschland noch eine Menge aus Osteuropa lernen.

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